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Am Anwandweg der Ende der 90er Jahre entstandenen Siedlung Mühlried-Ost steht inmitten einer kleinen mit Eichen umpflanzten Grünfläche die Sankt-Jakobs-Kapelle. Der Münchner Architekt Rudolf Reiser wollte beim Entwurf des Bebauungsplanes den dörflichen Charakter von Mühlried wahren und sah bereits bei den ersten Vorschlägen einen Platz für eine Kapelle zur Abrundung des Ortsbildes vor. Intuitiv erklärten sich damals mein Mann Jakob und ich bereit, den Bau der Kapelle zu übernehmen. Eine Kapelle zu errichten, betrachteten wir als Möglichkeit, unsere Dankbarkeit und Achtung gegenüber Gott und auch unseren Vorfahren, die dieses Stück Erde über Generationen pflügten, pflegten und erhielten, zum Ausdruck zu bringen. Erinnerung an die Arbeit, mitunter auch Anekdoten von den Vorfahren, und nicht zuletzt sicher auch das sogenannte Familiengewissen erklären eine starke emotionale Beziehung zu diesem Fleckchen Erde. In Gedanken wurden Pläne für die Kapelle entworfen und wieder verworfen. Je länger sich die Planung hinzog, desto mehr gelang es uns, geschichtliches und familiäres aus Vergangenheit und Gegenwart zu verknüpfen und so ein Projekt für die Zukunft zu gestalten. Dass die Kapelle dem Heiligen Jakobus, dem Patron für den Lebensweg und eine gute Sterbestunde, geweiht werden sollte, war aus zweifacher Hinsicht bald klar. Zum einen taucht der Name, der aus dem hebräischen kommt und „Gott möge schützen“ bedeutet, immer wieder in der Ahnenreihe auf. Zum anderen bestärkten uns Einsichten in Skizzen, die aufzeigen, dass im Mittelalter eine alte Pilgerroute von Krakau über Pilsen, Regensburg, Ingolstadt, Augsburg, Maria Einsiedeln über die Schweiz durch Spanien nach Santiago de Compostela zum Grab des Heiligen Jakobus führte. Und genau ein Teilstück dieser Route schlängelte sich östlich von dem zu bebauenden Grundstück bis 1767 von Ingolstadt kommend als Alte Paartalstraße über Rachelsbach, Ried, an Altenfurt vorbei über Rosensteig in Richtung Augsburg. Der Hohlweg bei Ried erinnert noch heute an dieses Stück der mittelalterlichen Handelsstraße und ist somit Zeitgeschichte.

Beeindruckt von der 1000-jährigen Geschichte der europäischen Wallfahrt nach Santiago de Compostela, aber auch zuversichtlich, das Richtige zu tun, erfolgte im März 2003, begleitet von der großen Freude aller Anwesenden, die Grundsteinlegung für die Kapelle am Weg. Sie soll dazu einladen, die Schritte zu verlangsamen, innezuhalten, einzukehren und sich einzulassen auf das, was mehr ist als Routine und Alltag, so unser Wunsch. Dank sehr fleißiger und fachlich kompetenter Helfer war das Kleinod zum Jakobstag, dem 25. Juli, im Jahr 2003 fertiggestellt. Die Weihe der Glocke für die Kapelle mit der Gravur „Gottes Kraft geht alle Wege mit“ hatte bereits am Pfingstmontag 2003 in einer feierlichen Zeremonie in der Heilig-Geist-Kirche in Mühlried stattgefunden. Erwähnenswert ist auch die Ikone auf der anderen Seite der Glocke. Sie zeigt die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten. Dies ist nicht nur ein schönes Bild auf einer golden glänzenden Glocke, sondern soll auch eine Botschaft vermitteln: Gott geht mit uns auch die schwersten Wege des Lebens, er lässt uns nicht allein!

Am Abend des 25. Juli 2003 fanden sich ca. 300 Gäste bei der Kapelle ein, um deren Einweihung mitzufeiern und sie zu besichtigen. Die Darstellung des Apostels und Pilgerpatrons Jakobus, geschaffen vom Künstlerehepaar Christa und Karlheinz Torge aus Ried, befindet sich auf der rechten Seite des Altares. Die Pilgerkleidung entspricht der Reisekleidung vergangener Zeit. Hierzu gehörten außer Stab und Kalebasse beziehungsweise Tasche ein langer Mantel und ein breitkrempiger, vor der Witterung schützender Hut. Bezogen auf seine Tätigkeit als Missionar trägt die Statue eine Bibel in der Hand. Die Muschel gehörte nicht zur Ausstattung der Pilger, sondern stand diesen erst zu, wenn sie Santiago de Compostela erreicht hatten. In der Mitte der Kapelle zieht ein von Pater Benedikt Schmidt aus Ingolstadt entworfenes Glasmosaik die Blicke auf sich, welches je nach Betrachtung den Lebensbaum, die Lebensblume oder auch die verschiedenen Stationen des Lebens aufzeigt. Von dem Standpunkt aus gesehen, dass wir alle als Pilger oder Reisende, die immer wieder Neuland in ihrem Leben betreten, unterwegs sind, ist die Kapelle ein schöner Ort zum Innehalten, Beten und Meditieren. Darauf wies Pater Robert Skrzypek während des stimmungsvollen Einweihungsgottesdienstes hin und äußerte zum Abschluss den Wunsch, dass die Kapelle am Weg ein Ort der Einkehr, Ruhe und Besinnung werde, denn Gottes Kraft geht alle Wege mit.

Text+Fotos: Maria Haas

Außenansicht (Foto: privat)
Innenansicht (Foto: privat)
Glasmosaik (Foto: privat)
Darstellung des Apostels und Pilgerpatrons Jakobus (Foto: privat)

Offene Muschel

Gott, lass mich eine offene Muschel werden;
für den Pilgerweg meines Lebens,
für meine Mitmenschen,
offen zum Nehmen,
offen zum Teilen,
offen zum Schenken.

Gott lass mich als offene Muschel leben,
mit deiner befreienden Botschaft,
mit deinem Segen.

Unterwegs

Unterwegs bin ich seit meiner Kindheit.
Das Leben fordert mich auf, den Weg zu gehen,
meinen Weg, Schritt für Schritt.
Der Weg, er lädt mich ein,
lockt mich auf eine Spur, die es zu entdecken gilt,
mit Gottes Begleitung.

Dieser Beitrag wurde zuerst im Pfarrbrief Pfingsten 2021 auf Seite 4 veröffentlicht.

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